Ubuntu 26.04 LTS „Resolute Raccoon" – Ausführlicher Bericht

Ubuntu 26.04 LTS „Resolute Raccoon" – Ausführlicher Bericht
Stand: 25. April 2026 | Release-Datum: 23. April 2026
Codename: Resolute Raccoon | Support bis: April 2031 (Standard) / April 2036 (Ubuntu Pro)

Inhaltsverzeichnis

  1. Überblick
  2. Systemanforderungen
  3. Highlights und neue Funktionen
  4. Desktop und Benutzeroberfläche
  5. Sicherheit
  6. Server und Infrastruktur
  7. Entwicklung und Toolchains
  8. Installation
  9. Upgrade von Ubuntu 24.04 LTS
  10. Systemwartung und Pflege
  11. Ubuntu Pro
  12. Risiken und Fallstricke
  13. Anwendungen mit möglichen Problemen
  14. Bekannte Probleme zum Release
  15. Fazit und Empfehlung

1. Überblick

Ubuntu 26.04 LTS ist am 23. April 2026 erschienen – pünktlich, stabil, und mit einem deutlich modernisierten Fundament. Der Codename „Resolute Raccoon" (entschlossener Waschbär) wurde dem verstorbenen Ubuntu-Release-Manager Steve Langasek zu Ehren gewählt und steht für Entschlossenheit – passend für eine LTS-Version, auf die Millionen Nutzer über Jahre hinweg vertrauen werden.

Diese Version markiert mehrere historische Einschnitte:

  • Erste Ubuntu-LTS ohne nativen X.org-Desktop-Session – Wayland ist jetzt Standard und einzige Option für GNOME
  • Linux-Kernel 7.0 als Basis
  • GNOME 50 als Desktop-Umgebung
  • Umfassende „Rustification" – zunehmend viele Core-Utilities sind in Rust neu geschrieben
  • TPM-gestützte Vollverschlüsselung als vollwertige Option im Installer

Der Standard-Support läuft bis April 2031 (5 Jahre). Mit Ubuntu Pro verlängert sich der Sicherheitssupport auf 10 Jahre bis April 2036, und mit dem Legacy-Add-on sogar auf 15 Jahre.


2. Systemanforderungen

Desktop

Komponente Empfohlen Minimum
CPU 2 GHz Dual-Core oder besser 1 GHz Single-Core
RAM 6 GB 2 GB (stark eingeschränkt)
Speicher 25 GB 15 GB
Grafik OpenGL-fähig
Wichtig: Die RAM-Empfehlung wurde von 4 GB auf 6 GB angehoben. Das ist kein Hardlimit, aber ein ehrliches Signal: Moderne Workloads auf GNOME 50 brauchen Spielraum. Wer nur 4 GB hat, wird spüren, dass es knapp wird.

Server

  • Ab 1,5 GB RAM und 4 GB Speicher (je nach Anwendungsfall)
  • Verfügbar als Cloud-Images, VM-Images und Bare-Metal

Installation

  • USB-Port oder DVD-Laufwerk für ISO-Installation
  • ISO-Datei: über 6 GB – kein Download auf langsamen oder getakteten Verbindungen

3. Highlights und neue Funktionen

Linux Kernel 7.0

Der Kernel 7.0 bringt verbesserte Hardware-Unterstützung, besonders für neuere Intel- und AMD-Systeme. Schnellere ext4-Schreibperformance unter bestimmten Szenarien. Mesa 26.0.x liefert die Open-Source-GPU-Treiber; AMD Ray Tracing und ACO sind standardmäßig aktiv.

GNOME 50 – vollständig auf Wayland

GNOME 50 ist die bisher umfangreichste GNOME-Version. Wichtigste Neuerungen:

  • Variable Refresh Rate (VRR) standardmäßig aktiviert (auf unterstützenden Displays)
  • X11-App-Skalierung unter Wayland – Legacy-Apps sehen besser aus
  • GPU-beschleunigter Remote-Desktop-Zugang
  • Automatischer App-Start nach Login über Einstellungen → Apps
  • Verbesserte Bruchzahl-Skalierung (Fractional Scaling) mit weniger Unschärfe
  • Elterliche Kontrolle erweitert
  • Orca Screen Reader massiv verbessert
  • „Reduced Motion"-Option für Nutzer mit Animationsempfindlichkeit

Wayland-only (kein X.org mehr für GNOME)

Dies ist die wichtigste strukturelle Änderung. GNOME Shell kann nicht mehr als X.org-Session gestartet werden. XWayland ist aber weiterhin vorhanden, damit X11-Applikationen laufen. Andere Desktop-Umgebungen wie KDE, Xfce, MATE, i3 können weiterhin X11-Sessions nutzen.

Rustification des Systems

Viele Core-Tools wurden in Rust neu implementiert:

  • Loupe (Bildbetrachtung) – ersetzt Eye of GNOME
  • Papers (PDF-Betrachter) – ersetzt Evince, Rust-Anteil wächst
  • Neue Video- und Audio-Thumbnailer (gst-thumbnailers)
  • Diverse Systemutilities

Das Ziel: Speichersicherheit ohne Performance-Einbußen. Rust eliminiert ganze Klassen von Buffer-Overflow- und Use-after-free-Schwachstellen.

TPM-gestützte Vollverschlüsselung (FDE)

Full Disk Encryption auf Basis des TPM-Chips ist jetzt vollwertig im Installer integriert. Kein manuelles Passwort beim Boot nötig – der TPM entsperrt den Schlüssel automatisch, solange der Boot-Prozess unverändert ist. Bei Manipulation (z. B. Bootloader-Austausch) wird die Entsperrung verweigert.

Caveat: Nicht kompatibel mit Systemen, auf denen Absolute/Computrace aktiv ist. Kann bei NVMe-RAID-Konfigurationen BIOS-Anpassungen erfordern.

x86-64-v3 Paketoptimierung

Für neuere CPUs gibt es optional Pakete im x86-64-v3-Format mit erweiterten Instruktionssätzen. Wer einen modernen Prozessor hat, kann gezielt auf diese Pakete umsteigen und damit Performancegewinne erzielen. Der Standard bleibt x86-64-v2, d. h. ältere Hardware ist weiterhin unterstützt.

NVIDIA Wayland – endlich vollständig

NVIDIA-Systeme unterstützen Wayland jetzt vollständig. Der Standard-NVIDIA-Treiber ist die 595.x-Serie. Damit entfällt die bisherige Zwei-Klassen-Gesellschaft zwischen AMD/Intel (problemloses Wayland) und NVIDIA (Probleme).

KI/ML-Unterstützung

Native Unterstützung für NVIDIA CUDA und AMD ROCm direkt im Archiv. Ubuntu 26.04 positioniert sich damit als bevorzugte Plattform für KI-Entwicklung und Produktionsumgebungen.

apt history – Rollback und Undo

Eine lang ersehnte Funktion: apt kann jetzt Transaktionen rückgängig machen:

apt history-list          # Übersicht aller Transaktionen
apt history-info 0        # Details zu Transaktion 0
sudo apt history-undo 0   # Transaktion 0 rückgängig machen
sudo apt history-rollback 1  # Rollback bis Transaktion 1

Diese Funktion allein ist für Administratoren ein Gamechanger.


4. Desktop und Benutzeroberfläche

Neue Standard-Anwendungen

Funktion Alt Neu
Terminal GNOME Terminal Ptyxis
Video-Player Totem Showtime
Bildbetrachtung Eye of GNOME Loupe (Rust)
PDF-Betrachter Evince Papers (Rust, GTK4)
System-Monitor GNOME System Monitor Resources
Bildbearbeitung GIMP 2.10 GIMP 3.2

Ptyxis als neues Terminal: GTK4-basiert, GPU-beschleunigt, Tab-Interface mit Übersicht, wechselbare Profile, anpassbare Tastenkürzel. Deutlich flotter als GNOME Terminal.

GIMP 3.2 ist ein massives Update. GIMP 2.10 war jahrelang eingefroren, 3.x bringt GTK3, non-destructive Editing (begrenzt), bessere Farbverwaltung.

App Center

Der App Center ist jetzt das zentrale Werkzeug für Softwareverwaltung. Er unterstützt jetzt auch vollwertig Debian-Pakete (.deb), nicht nur Snaps. Drittanbieter-Debs lassen sich direkt installieren. Die Verwaltungsseite erlaubt das direkte Deinstallieren von Snaps.

Software & Updates entfernt

Die klassische „Software & Updates"-App ist nicht mehr standardmäßig installiert. Sie ist noch im Repository und kann manuell nachinstalliert werden:

sudo apt install software-properties-gtk
Achtung: Wer bisher über diese App PPAs oder Update-Kanäle konfiguriert hat, muss künftig auf die Kommandozeile ausweichen oder die App manuell installieren.

Snap Permissions Prompting

Das Snap-Berechtigungssystem fragt jetzt aktiv nach, wenn eine Snap-Anwendung auf das Home-Verzeichnis zugreifen möchte. Das verbessert die Sicherheit erheblich, kann aber zunächst irritierend sein.

Update-Benachrichtigungen ohne Fokus-Diebstahl

Das lästige automatische Aufpoppen des Software Updater-Fensters ist Geschichte. Stattdessen erscheint eine diskrete Benachrichtigung mit Optionen. Ein System-Tray-Icon erinnert daran, dass Updates bereitstehen.


5. Sicherheit

Memory-Safe Core-Utilities

Die systematische Umstellung auf Rust reduziert die Angriffsfläche für speicherbezogene Schwachstellen (Buffer Overflows, Use-after-free, etc.) strukturell – unabhängig von Code-Reviews.

TPM-Full-Disk-Encryption

Wie oben beschrieben: Hardwarebasierte Schlüsselverwaltung ohne Passwort beim Boot. Schützt vor physischem Zugriff auf die Festplatte.

OpenSSH 10.2p1

Wichtige Änderungen gegenüber dem vorherigen 9.6p1 aus Ubuntu 24.04:

  • Warnung, wenn die Verbindung einen nicht-post-quanten-sicheren Key-Agreement-Algorithmus verwendet
  • Diverse Sicherheitsverbesserungen
Beim Upgrade prüfen, ob SSH-Konfigurationen noch kompatibel sind!

cgroup v2 mandatory (systemd 259)

cgroup v1 wurde vollständig entfernt. Nur noch die unified cgroup v2-Hierarchie wird unterstützt. Container, Docker-Konfigurationen und ältere Monitoring-Tools, die explizit cgroup v1 erwarten, können dadurch brechen.

Snap Permission Prompting

Standardmäßig aktiviert – Snaps müssen um Zugriff auf das Home-Verzeichnis bitten.


6. Server und Infrastruktur

systemd 259

  • cgroup v2 ist jetzt Pflicht (v1 entfernt)
  • Diverse neue Features für Service-Management und Boot-Beschleunigung

Dracut als Standard-Initramfs-Generator

Dracut ersetzt initramfs-tools als Standard. Dracut ist modularer, besser gewartet und in vielen anderen Distributionen (Fedora, RHEL) bereits Standard. Das kann Auswirkungen auf eigene Initramfs-Hooks haben.

OpenStack 2026.1 „Gazpacho"

Das ist ein SLURP-Release, das direkte Upgrades vom vorherigen SLURP-Release (2025.1 Epoxy) unterstützt. Wichtige Änderungen:

  • Migration von Eventlet zu nativen Python-Threads (mehrere Projekte)
  • Parallele Live-Migrationen mit Multi-Connection-Support
  • IOThread standardmäßig für QEMU aktiviert

Squid 7.2

Update von Version 6. Neue Direktiven, entfernte Direktiven – bestehende squid.conf-Dateien müssen geprüft werden. Die client_delay_access-Direktive wurde entfernt.

Samba Active Directory Domain Controller

Wichtiger Hinweis vor dem Upgrade: Wer einen Samba-AD-DC betreibt, ohne das Paket samba-ad-dc installiert zu haben, muss dies vor dem Release-Upgrade nachholen:

sudo apt install samba-ad-dc

Andernfalls funktioniert der AD-DC nach dem Upgrade nicht mehr.

GDM PreLogin/PostSession Scripts entfernt

In GNOME wurden PreLogin- und PostSession-Skripte als Teil der X11-Code-Bereinigung entfernt. Wer diese in Unternehmensumgebungen für z. B. Home-Verzeichnis-Synchronisation oder Cleanup-Routinen nutzt, muss auf PAM-Session-Module (pam_exec) umsteigen.

Livepatch für ARM64-Server

Ubuntu Pro Livepatch – Kernel-Patches ohne Neustart – unterstützt jetzt auch ARM64-basierte Server. Für ARM64-Serverinfrastruktur (z. B. Ampere, AWS Graviton) ein wichtiges Feature.


7. Entwicklung und Toolchains

Komponente Version
glibc 2.43 (mit ISO C23-Änderungen)
LLVM 21 (Standard-Toolchain)
Rust 1.93.1
OpenJDK 25 (TCK-zertifiziert für amd64, arm64, s390x, ppc64el)
.NET 10
Zig 0.15.2 (auch für riscv64)
Python 3.14

.NET 10 ist direkt im Ubuntu-Archiv verfügbar:

sudo apt install dotnet10

Ältere .NET-Versionen (8, 9) sind über Backports PPA verfügbar, aber nur Best-Effort-Support.


8. Installation

Frische Installation (empfohlen)

  1. ISO von ubuntu.com/download herunterladen (>6 GB)
  2. ISO-Integrität prüfen: sha256sum ubuntu-26.04-desktop-amd64.iso
  3. Bootfähigen USB-Stick erstellen (z. B. mit dd, Balena Etcher, Ventoy)
  4. Von USB booten, Installer starten
  5. Sprache, Tastatur, Netzwerk konfigurieren
  6. Für Drittanbieter-Codecs: „Install third-party software..." aktivieren (wichtig für Mediaplayer, Bluetooth-Codecs, NVIDIA)
  7. Partitionierung wählen (LVM, ZFS, manuelle Partitionierung möglich)
  8. TPM-FDE kann im Installer aktiviert werden (bei kompatiblen Systemen)
Hinweis: Die Live-Session ist nicht lokalisiert. Für nicht-englische Installationen wird eine Internetverbindung benötigt, um Sprachpakete nachzuladen.

Lokale Medien-Codecs nachinstallieren

sudo apt install localsearch-extractor-ffmpeg localsearch-extractor-iso localsearch-extractor-office

9. Upgrade von Ubuntu 24.04 LTS

Achtung: Direkte Upgrades von 24.04 auf 26.04 werden offiziell erst ab August 2026 freigeschaltet, wenn Ubuntu 26.04.1 erscheint. Wer nicht warten will, kann entweder eine Neuinstallation durchführen oder manuell upgraden – auf eigenes Risiko.

Upgrade-Pfad

  • Von 22.04 LTS: Erst auf 24.04 LTS oder 25.10 upgraden, dann auf 26.04
  • Von 24.04 LTS: Direktes Upgrade (ab August 2026 automatisch freigegeben)
  • Von 25.10: Direktes Upgrade möglich

Manuelle Upgrade-Vorbereitung (vor dem Upgrade!)

# System vollständig aktualisieren
sudo apt update && sudo apt upgrade -y && sudo apt dist-upgrade -y

# Nicht mehr benötigte Pakete entfernen
sudo apt autoremove

# Bei Samba-AD-DC: Paket sicherstellen
sudo apt install samba-ad-dc

# PPAs deaktivieren (können Upgrade blockieren)
sudo apt-add-repository --remove ppa:...

# Snapshots/Backup erstellen!

Upgrade starten

sudo do-release-upgrade

Für einen direkten Upgrade vor der offiziellen Freigabe:

sudo do-release-upgrade -d

Checkliste nach dem Upgrade

  • [ ] SSH-Konfiguration auf Kompatibilität mit OpenSSH 10.2 prüfen
  • [ ] Docker/Container auf cgroup v2-Kompatibilität testen
  • [ ] Eigene Initramfs-Hooks auf Dracut-Kompatibilität prüfen
  • [ ] GDM PreLogin/PostSession Scripts durch PAM-Module ersetzen
  • [ ] NVIDIA-Treiber-Version prüfen (595.x sollte automatisch kommen)
  • [ ] Drittanbieter-Repos und PPAs auf 26.04-Kompatibilität testen
  • [ ] Squid-Konfiguration prüfen (falls im Einsatz)

10. Systemwartung und Pflege

Regelmäßige Updates

# Tägliche Routine
sudo apt update && sudo apt upgrade

# Vollständiges System-Upgrade (Kernel etc.)
sudo apt full-upgrade

# Aufräumen
sudo apt autoremove && sudo apt autoclean

apt history – neues Rollback-Werkzeug

# Transaktionen auflisten
apt history-list

# Details zur Transaktion N
apt history-info N

# Transaktion rückgängig machen
sudo apt history-undo N

# Rollback auf Stand vor Transaktion N
sudo apt history-rollback N

Kernel-Verwaltung

Alte Kernel werden nach Updates nicht automatisch entfernt. Prüfen und aufräumen:

# Installierte Kernel anzeigen
dpkg --list | grep linux-image

# Alten Kernel entfernen (Beispiel)
sudo apt remove linux-image-6.x.x-xx-generic

# Automatisch aufräumen
sudo apt autoremove

Unattended Upgrades (automatische Sicherheitsupdates)

# Status prüfen
systemctl status unattended-upgrades

# Konfiguration
sudo nano /etc/apt/apt.conf.d/50unattended-upgrades

Snap-Verwaltung

# Installierte Snaps anzeigen
snap list

# Snap aktualisieren
sudo snap refresh

# Alte Snap-Revisionen aufräumen (spart Speicherplatz)
sudo snap set system refresh.retain=2

Festplatten-Überwachung

# SMART-Daten prüfen
sudo smartctl -a /dev/sda

# Festplattenauslastung
df -h
du -sh /var/log /tmp /home

Log-Verwaltung

# Journal-Größe prüfen
journalctl --disk-usage

# Journal bereinigen (älter als 30 Tage)
sudo journalctl --vacuum-time=30d

# Journal-Größe begrenzen (in /etc/systemd/journald.conf)
# SystemMaxUse=500M

Ubuntu Pro aktivieren (kostenlos für bis zu 5 Geräte)

sudo pro attach <TOKEN>
sudo pro enable esm-infra
sudo pro enable esm-apps

11. Ubuntu Pro

Ubuntu Pro ist kostenlos für bis zu 5 persönliche Geräte und bietet erhebliche Mehrwerte:

Was Ubuntu Pro bringt

Feature Ohne Pro Mit Pro
Security Updates (Main) 5 Jahre 10 Jahre
Security Updates (Universe) Begrenzt 10 Jahre (ESM-Apps)
Livepatch (Kernel ohne Reboot) Nein Ja
FIPS-zertifizierte Pakete Nein Ja
CIS Hardening Nein Ja
USG (Security Guides) Nein Ja
Legacy Support (bis 15 Jahre) Nein Add-on (kostenpflichtig)

Ubuntu Pro für Server-Betreiber

Für produktive Server, besonders solche mit längeren Zyklen (Ghost-Instanzen, Nginx, etc.), ist Ubuntu Pro praktisch ein Pflichtprogramm – allein wegen des erweiterten Universe-Supports und Livepatch.

Aktivierung

# Kostenloser Token unter ubuntu.com/pro
sudo pro attach <TOKEN>

# Status prüfen
sudo pro status

# ESM für Universe aktivieren
sudo pro enable esm-apps

# Livepatch aktivieren
sudo pro enable livepatch

12. Risiken und Fallstricke

Wayland-only GNOME – kein Zurück

Der wichtigste Einschnitt dieser Version. Wer aus irgendeinem Grund auf eine X.org-GNOME-Session angewiesen ist (bestimmte Accessibility-Tools, Screen-Capture-Software, Remote-Desktop-Lösungen älterer Bauart), hat keine Option mehr. XWayland fängt die meisten Fälle auf, aber nicht alle.

Risiko: Mittel – betrifft vor allem Nischenanwendungen und Remote-Desktop-Setups.

cgroup v2 Pflicht

Docker, LXC, ältere Kubernetes-Konfigurationen, manche Monitoring-Agenten (z. B. alte Prometheus-Node-Exporter, cAdvisor-Versionen) könnten Probleme haben. cgroup v2 ist seit Jahren Standard in anderen Distros, aber ältere Configs greifen manchmal explizit auf cgroup v1 zurück.

Risiko: Mittel bis hoch für Server-Umgebungen mit Container-Workloads ohne vorherige Prüfung.

Dracut statt initramfs-tools

Wer eigene Initramfs-Hooks geschrieben hat (z. B. für spezielle LUKS-Setups, RAID-Konfigurationen, Custom-Boot-Skripte), muss diese auf Dracut portieren.

Risiko: Niedrig für Standard-Desktops, mittel bis hoch für angepasste Serverinstallationen.

OpenSSH 10.2 Inkompatibilitäten

Wer ältere SSH-Konfigurationen hat (veraltete Cipher, Key-Typen, etc.), könnte nach dem Upgrade ausgesperrt sein. Vor dem Server-Upgrade unbedingt die SSH-Konfiguration testen!

Risiko: Hoch für unvorbereitete Server-Upgrades.

NVIDIA Suspend/Resume Bugs

Noch nicht vollständig behoben: Auf mancher NVIDIA-Hardware treten visuelle Korruptionen und Freezes beim Aufwachen aus dem Suspend auf (unter Wayland). Für Desktop-Nutzer mit NVIDIA irritierend, für Server irrelevant.

Risiko: Niedrig bis mittel, abhängig von NVIDIA-Hardware.

TPM/FDE Edge Cases

  • Nicht kompatibel mit Absolute/Computrace-aktivierten Systemen
  • NVMe-RAID erfordert möglicherweise BIOS-Anpassungen
  • Nur NVIDIA unter Out-of-tree-Kernel-Treibern unterstützt

Risiko: Niedrig für Standard-Hardware, mittel für Unternehmenshardware mit BIOS-Management-Features.

GDM PreLogin/PostSession Scripts entfernt

Wer diese in Unternehmensumgebungen nutzt, muss auf PAM umstellen. Kein triviales Unterfangen in Active-Directory-Umgebungen.

Risiko: Mittel bis hoch für Unternehmensdesktop-Deployments.

Kein direktes Upgrade vor August 2026

Wer von 24.04 auf 26.04 upgraden will, muss bis zur Freigabe von 26.04.1 warten oder das Risiko eines manuellen Upgrades eingehen. Für Produktivsysteme: Warten ist die klügere Wahl.


13. Anwendungen mit möglichen Problemen

Docker und Docker Compose

cgroup v2 als Pflicht kann ältere Docker-Konfigurationen brechen. Docker 24+ unterstützt cgroup v2 vollständig. Ältere Versionen aus Drittquellen könnten Probleme machen.

Prüfen:

docker info | grep Cgroup
# Sollte "Cgroup Version: 2" zeigen

Wine und Windows-Anwendungen

Wayland-only bringt neue Abhängigkeiten. Die meisten Wine-Anwendungen laufen über XWayland – das funktioniert gut, kann aber in Randfällen (bestimmte Vollbild-Modi, Capture-Features) zu Problemen führen. Steam und Proton profitieren vom neuen NTSYNC-Treiber.

Bildschirmaufnahme-Software

OBS Studio, SimpleScreenRecorder und ähnliche Tools müssen Wayland-native laufen oder über XWayland. OBS unterstützt Wayland via Pipewire sehr gut. Ältere oder weniger gepflegte Screen-Recording-Tools könnten Probleme haben.

Remote-Desktop-Lösungen

  • RDP/xrdp: Kann mit Wayland-only-Setup Probleme bereiten. xrdp kann als eigene X11-Session gestartet werden.
  • VNC: Klassisches VNC erwartet X11 – hier müssen Wayland-fähige Alternativen (z. B. wayvnc) genutzt werden.
  • NoMachine, AnyDesk, TeamViewer: Aktuellste Versionen unterstützen Wayland, ältere Versionen nicht.

Virtuelle Maschinen (VMware, VirtualBox)

VirtualBox Open-Source Edition hat mit Wayland-Gast-Unterstützung noch Kinderkrankheiten. VMware Workstation funktioniert mit aktuellen Versionen besser. QEMU/KVM mit Wayland-fähigen Guest-Additions ist die robusteste Lösung.

Ältere Java-Anwendungen (AWT/Swing)

Swing-basierte Java-Anwendungen (z. B. ältere IDEs, Enterprise-Tools) können unter Wayland ohne XWayland-Fallback Anzeigeprobleme haben. Mit OpenJDK 25 und XWayland sollte es in der Regel funktionieren, ist aber einen Test wert.

Electron-Anwendungen

VS Code, Slack, Discord, etc.: Aktuelle Versionen unterstützen Wayland nativ. Ältere Electron-Versionen laufen über XWayland. Das ist in der Regel kein Problem, kann aber bei Screensharing-Features zu Einschränkungen führen.

Ältere PPAs und Drittanbieter-Pakete

PPAs, die keine 26.04-Pakete bereitstellen, fallen nach dem Upgrade aus. Betroffen sein können:

  • Ältere Nginx-PPAs (nginx.org-Pakete direkt werden unterstützt)
  • Node.js-PPAs (NodeSource-Pakete für 26.04 prüfen)
  • PHP-PPAs (ondrej/php ist gut gepflegt, sollte 26.04 schnell unterstützen)
  • Git-PPAs (git-core/ppa unterstützt LTS-Versionen meist schnell)

Squid Proxy

Squid wurde auf Version 7.2 aktualisiert. Die client_delay_access-Direktive wurde entfernt. Bestehende Konfigurationen müssen angepasst werden.

Samba Active Directory Domain Controller

Wie erwähnt: samba-ad-dc muss vor dem Upgrade installiert sein.

Custom Initramfs-Hooks

Alle eigenen Hooks für initramfs-tools müssen auf Dracut portiert werden.


14. Bekannte Probleme zum Release

  • NVIDIA Suspend/Resume: Visuelle Korruptionen und Freezes auf mancher Hardware nach dem Aufwachen aus dem Suspend
  • Installer nicht lokalisiert: Live-Session nur auf Englisch; andere Sprachen erfordern Internet
  • Screen Reader im Installer: Vorhanden, aber unvollständig (offene Bug Reports)
  • OEM-Installationen: Noch nicht im neuen Desktop-Installer unterstützt
  • AMD ROCm + Blender: Tests schlagen auf gfx908-Plattform (AMD Instinct MI100) fehl
  • TPM/FDE: Inkompatibel mit Absolute/Computrace, NVMe-RAID-Einschränkungen

15. Fazit und Empfehlung

Ubuntu 26.04 LTS „Resolute Raccoon" ist eine sehr solide LTS-Version mit klaren Modernisierungsschritten. Die Entscheidung für Wayland-only bei GNOME war überfällig und richtig – Wayland ist reif, und XWayland fängt die Lücken gut auf. Die Rustification des Systems ist ein langfristiger Sicherheitsgewinn. Linux 7.0, GNOME 50, apt-Rollbacks und TPM-FDE runden ein starkes Paket ab.

Empfehlungen nach Nutzungstyp

Desktop-Nutzer (Privatanwender):
✅ Installieren oder upgraden – am besten als Neuinstallation oder ab August 2026 über das automatische Upgrade. Wer zufrieden mit 24.04 ist, kann auch bis dahin warten.

Server-Betreiber (Ghost, Nginx, etc.):
⚠️ Nicht sofort upgraden. Warten auf 26.04.1 (August 2026), vorher in einer Testumgebung upgraden, SSH-Konfiguration und Container-Setups prüfen. Ubuntu Pro aktivieren.

Entwickler:
✅ Attraktiv durch aktuelle Toolchains (Rust 1.93, Python 3.14, OpenJDK 25, .NET 10, LLVM 21). Neuinstallation oder Upgrade nach sorgfältiger Prüfung empfohlen.

Unternehmensumgebungen:
⚠️ GDM-Script-Migration, cgroup v2, Dracut und OpenSSH-Kompatibilität müssen geprüft werden. Pilotinstallation empfehlenswert, breiter Rollout ab Q3 2026.


Quellen: Canonical Release Notes, Ubuntu 26.04 LTS Summary, OMG! Ubuntu!, It's FOSS, LinuxConfig, ubuntu.com/about/release-cycle